Im Sommer des Jahres 1793 war die junge Republik von innen und außen bedroht. Die Politiker in Paris griffen durch. Rücksichtslos – nicht nur mit der Guillotine. Der Konvent dekretierte, dass alle Verdächtigen zu inhaftieren seien. Keine störenden Formalitäten, keine Anklage, kein Prozess. Wer als Feind der Freiheit galt, und das waren auch die Gleichgültigen, kam ins Gefängnis. Die Revolutionskomitees, die es mittlerweile in der ganzen Republik gab, machten von diesem Recht umfassend Gebrauch. Denunziation wurde zur Bürgerpflicht. Das loi des suspects war ein Ausnahmegesetz für Ausnahmezeiten – und ein Freibrief für Unrecht. Aber die Revolutionäre sicherten sich damit die Möglichkeit, jeden Widerstand schon im Keim zu ersticken.
1793 - 1795
12. August 1793 · Abgesandte der Urversammlungen, die zur Feier der neuen Verfassung nach Paris gekommen sind, erscheinen im Nationalkonvent. Danton greift ihre Forderungen auf und verlangt ein hartes Vorgehen gegen die inneren Feinde der Revolution.
5. September 1793 · Eine Delegation aus Paris fordert im Nationalkonvent entschlossene Maßnahmen gegen Verschwörer, Spekulanten und Konterrevolutionäre. Billaud-Varenne unterstützt sie und verlangt die sofortige Verhaftung aller Verdächtigen.
17. September 1793 · Der Konvent verabschiedet das Gesetz über die Verdächtigen – loi des suspects. Es erlaubt die Verhaftung aller Personen, die als Feinde der Revolution gelten: Gegner der Freiheit, Föderalisten, verdächtige Beamte, frühere Adlige und Menschen ohne anerkanntes Bürgerzeugnis. Zuständig für Listen, Haftbefehle und Durchsuchungen sind die örtlichen Revolutionskomitees.
10. Juni 1794 · Mit dem Gesetz vom 22. Prairial, das die Verhängung von Todesurteilen durch das Revolutionstribunal erheblich vereinfacht, sollen die überfüllten Gefängnisse geleert werden. In Frankreich sind im Sommer 1794 etwa 80.000 Menschen als Revolutionsfeinde inhaftiert.
27. Juli 1794 · 9. Thermidor. Sturz Robespierres. An den folgenden drei Tagen werden zahlreiche Mitglieder der Pariser Kommune hingerichtet. Viele von ihnen hatten zugleich in den Revolutionskomitees mitgewirkt.
24. August 1794 · Der Konvent beschneidet die Macht der Pariser Revolutionskomitees und organisiert diese neu. Dadurch verliert das Verdächtigengesetz einen wichtigen Teil seines Vollzugsapparats.
Oktober 1795 · Der auseinandergehende Konvent hebt das Verdächtigengesetz auf.
Zitate
Unmittelbar nach der Veröffentlichung des vorliegenden Dekrets werden alle verdächtigen Personen, die sich auf dem Gebiet der Republik befinden und noch in Freiheit sind, in Haft genommen. Artikel 1
Als verdächtige Personen gelten: 1. diejenigen, die sich, sei es durch ihr Verhalten, sei es durch ihre Beziehungen, sei es durch ihre Äußerungen oder ihre Schriften, als Anhänger der Tyrannei oder des Föderalismus und als Feinde der Freiheit gezeigt haben; […] Artikel 2
Diejenigen, die zwar nichts gegen die Freiheit getan haben, aber auch nichts für sie. Definition der Revolutionsfeinde von Anaxagoras Chaumette, führendes Mitglied der Pariser Kommune, Oktober 1793